Und jetzt?

Mein Kind ist behindert. Punkt.

Ich muss mir das selbst immer wieder laut sagen, um zu lernen, nicht jedes Mal zu weinen. Ich weine trotzdem. Wie macht man weiter, wenn die Zukunft gestorben ist? Ja, man kann mit Förderung viel machen. Ja, er kann trotzdem glücklich sein. Ja, ich kann trotzdem glücklich sein. Ja, ich kann noch ein Kind bekommen, eine neue Runde, eine neue Chance. Ja, man kann es schlimmer treffen. Er könnte lebenslimitierend erkrankt sein. Er könnte viel schwerer behindert sein. Ja, ich muss lernen, das anzunehmen, was mir beschieden ist. Ja, Geduld ist der Schlüssel. Ja, das Leben geht weiter, ob ich noch mitmachen darf oder nicht. Wir sind hier nicht bei "wünsch dir was", sondern bei "so ist es".

 

Nein. Ich weine trotzdem. Ich fluche und würde gern jemanden schlagen. Ich hasse mich, weil ich kein gesundes Kind gebären konnte. Ich hasse mein Kind, weil es nicht das Kind ist, das ich mir ersehnt habe. Weil er mein Leben kompliziert macht. Weil er so anstrengend ist. Weil ich keine Kraft und keine Hoffnung mehr habe. Weil ich dieses Leben nicht will. Ich will das andere kleine Leben. Das mit der glücklichen kitschigen Familie. Mit Kindergeburtstagen und Einschulungen und Laterne laufen und ins Kino gehen und gemeinsam etwas werden und sein. Das Leben, in dem mein Kind die Möglichkeit hat, alles sein zu können, alles erreichen zu können. Ein Student oder ein Supermarktkassierer, ein Ehemann, ein Homoeheaktivist, Veganer oder McDonalds-Manager, ein Geliebter oder auch ein Arsch und Langweiler. Ich will dieses Leben für mein Kind. Nicht das Leben, in dem er nie voll erwachen wird. In dem er immer abhängig sein wird. Vielleicht niemals ein Buch lesen kann. Oder einen Film richtig versteht. Oder Freunde hat. Oder versteht, dass wir sterben müssen. Ich will das alles für mein Kind. Und weine, weil wir das nicht haben werden. Weil alles gestorben ist, worauf ich mich gefreut hatte. Der Sohn, auf dessen Leben ich mich gefreut hatte, lebt nicht mehr.

Ich liebe meinen Sohn. Auch wenn ich mich manchmal daran erinnern muss, weil ich einfach viel zu müde bin.

All dieses Gerede, ein behindertes Kind bringe so viel Liebe und Unschuld mit.  Ich fühle Pein und Traurigkeit und tiefe Verzweiflung und eine gigantische Unlust, mich mit Integrationskindergärten, Therapieoptionen und Pflegestufen zu beschäftigen, wenn alles, was ich nur wollte, ein Kind war.

Warum haben all diese Raucher  und Gelegenheitstrinker und Nicht-Verhüter gesunde Kinder, oft mehr, als sie wollten? Wo ist da Gerechtigkeit und Balance?

Ich wünsche mmir so sehr Frieden und bezweifel doch, dass es ihn für mich in diesem Dasein geben wird.

17.7.15 22:58

Werbung


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


 Smileys einfügen